Dienstag, 29. November 2016

[Buchgedanken] Stephen King - Mr Mercedes

2009 stecken die USA in einer völligen Rezession und so stehen die Arbetslosen beriets am Abend vor der Eröffnung einer Jobbörse Schlange. Im Morgengrauen nähert sich ihnen ein grauer Mercedes, gibt plötzlich Gas und tötet 12 Menschen, darunter eine Mutter mit ihrem Säugling. Der Täter entkommt und hinterlässt im Fahrzeug einen Smilie-Aufkleber und eine Clownsmaske. Ein Jahr später erhält der pensionierte Detective Bill Hodges einen Brief vom Täter. Der macht sich über Hodges lustig und kündigt eine weitere Tat an. Dumm nur, dass er dadurch den Jagdtrieb des übergewichtigen Ex-Cops weckt, der sich zusammen mit dem technikaffinen Nachbarsjungen auf seine Spur setzt ...

Stephen King mal wieder. Ich kann ja einfach nicht an ihm vorbeigehen und das Buch ist mir in der Bibliothek quasi im Vorbeigehen in die Tasche gehüpft. Spannend fand ich bereits den Klappentext, der so gar nicht nach Stephen King klingt. Nicht, weil kein übersinnliches Element erwähnt wird (in seinen Novellen beweist er immer wieder, dass er auch ohne das Horror schreiben kann), sondern weil das so nach einem ganz typischen Krimiplot klang. Und in der Tat ist das das bislang untypischste King-Buch, das mir untergeommen ist - das scheint auch King zu merken, der das Buch bereits dadurch von seinen anderen Büchern kapselt, dass er die als explizit fiktionale Geschichten erwähnt, statt wie andere Romane durch dieselben Orte oder Ereignisse miteinander zu verknüpfen.

Am Buch extrem gut gefallen hat mir der Einstieg. Je älter King wird, desto mehr wird er zu einem sehr genauen Beobachter einzelner Personen, die er durch Handlung und Sprache charakterisiert wie kein zweiter. So begleite ich als Leser zunächst Augie mit zur Eröffnung der Jobbörse und werde reingeworfen in dieses Heer der Arbeitslosen. Im Anschluss erlebe ich Bills langweiliges Rentnerdasein und bin wie er der Meinung, dass Selbstmord angesichts des Fernsehprogramms eine ziemlich gute Option darstellt. Dann kommt es zum Bruch, denn mit einem Mal wechsele ich de Perspektive zum Täter. Dieser Brady Hartsfield - kein Spoiler, denn man wird als Leser nicht im Unklaren gelassen - ist ein Antagonist, der ziemlich weit oben in der Liste der Psychopathen zu finden ist. Am Anfang fand ich ihn fast schon zu überzeichnet, das bessert sich im Laufe der Zeit ein wenig.

Trotzdem hat mich das Buch nicht ganz überzeugt, was vielleicht daran liegt, das King einerseits sehr konsequen die Kiste der hardboiled-detective-stories öffnet, andererseits aber seine Protagonisten ehr wie die weichgespülte Teddybär-Variante von Sam Spade wirken. Bill ist einfach ein bisschen zu peinlich berührt ob seines Äußeren, einen Ticken zu alt und eine Spur zu pensioniert, um richtig hart drauf zu sein. Und auch die Yo-Bro-Fassade seines Helfers ist ja letztlich nur eine Fassade eines hochintelligenten potentiellen Elite-Uni-Studenten. Gekoppelt mit diesem absoluten Super-Schurken war ich immer mal wieder versucht zu sagen "jetzt werd mal ein bisschen realistischer, alter Junge", und das ausgerechnet bei Stephen King. Nichtsdestotrotz war das Buch kein Reinfall, ich wollte wissen, wie sie schließlich Hartsfield auf die Schliche kommen und wie das alles enden wird.

Fazit: für einen krimi zu light, für einen King wieder mal echt gut.

[Buchgedanken] Jay Asher - Tote Mädchen lügen nicht

Als Clay Jensen aus der Schule nach Hause kommt, findet er ein Päckchen mit Kassetten vor. Er legt die erste in einen alten Kassettenrekorder, drückt auf »Play« – und hört die Stimme von Hannah Baker. Hannah, seine ehemalige Mitschülerin. Hannah, für die er heimlich schwärmte. Hannah, die sich vor zwei Wochen umgebracht hat. Mit ihrer Stimme im Ohr wandert Clay durch die Nacht, und was er hört, lässt ihm den Atem stocken. Dreizehn Gründe sind es, die zu ihrem Selbstmord geführt haben, dreizehn Personen, die daran ihren Anteil haben. Clay ist einer davon ...

Der Hype um das Buch ist so ein bisschen an mir vorbeigegangen - ich bin zu wenig begeisterter Young-Adult-Leser und zu wenig inder Blogszene drin, glaube ich. Aber irgendwie habe ich das Buch im Laufe der Zeit in jeder Buchhandlung stapelweise liegen sehen und dachte mir, ich wage mich doch mal ran. Aber als hätte ich es geahnt und deshalb so lange nicht zum Buch gegriffen, war es für mich nicht die große Erleuchtung. Ich habe, um ehrlich zu sein, einige Probleme mit dem Kerngedanken des Buchs. Das Problem, meiner Meinung nach, besteht darin, dass grade für Jugendliche, die in Hannahs Situation sind, das Buch Selbstmord letztlich als die Möglichkeit verkauft, es den ganzen Ärschen der Schule mal zu zeigen. Die kommen nicht ins Nachdenken, bis Hannah zu ihnen spricht. Die tote Hannah wohlgemerkt.Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Asher glaubt, dass eine lebendige Hannah nicht genug Macht hat, ihre Peiniger zum Nachdenken zu bringen - ihr Selbstmord ist also dieeinzige logische Handlungsmöglichkeit für sie. Ob das bei ihren Leidensgenossen in der Realität auch so ankommt, weiß ich natürlich nicht, aber ich halte es für gefährlich, dass diese Darstellung gewählt wird. Vielleicht hätte ich mir voneinem Buch zu der Thematik Mobbing mehr Empowerment erwartet als eine Selbstmörderin, die sich sehr lange in Selbstmitleid ergeht.

Ja, das ist das zweite, was das Buch für mich wenig lesbar gemacht hat. Hannah suhlt sich im Selbstmitleid und schiebt die Schuld an ihren Problemem konsequent ihren dreizehn "Gegnern" zu, obwohl deren Beteiligung an ihrem Selbstmord zum Teil wirklich sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt. Nein, natürlich ist Hannah nicht Schuld daran, dass sie gemobbt wird, das will ich gar nicht sagen, aber dennoch machte sich mir beim Lesen immer mehr das Gefühl breit, dass Hannah hier krampfhaft nach einer Begründung sucht, ohne die eigentlichen Probleme in ihrem Leben - niemanden zu haben, an den sie sich wenden kann - zu problematisieren. Stattdessen lamentiert sie darüber drei Jahre zuvor als der geilste Arsch der Jahrgngsstufe gewählt worden zu sein ... hmmmmmm, für mich war das nicht wirklich überzeugend, und das, obwohl ich selbst in der Pubertät dank einiger Klassenkameraden die Hölle durchgemacht habe. Es waren einfach immer so vordergründige Gründe für ihren Selbstmord, wirklich tief eingedrungen ist man nicht, und dadurch bleibt das Buch für mich - auch in der Zeichnung der restlichen Figuren - viel zu sehr an der Oberfläche. 

[Buchgedanken] Oliver Hilmes - Berlin 1936:Sechzehn Tage im August

Ich bin so ein Vier-Jahres-Sportschauer, egal ob Fußball oder Leichtathletik, und irgendwie ist dieses Buch die Kombination aus so ziemlich genau allem, was mich anspricht: mein Lieblings-Sachbuchautor schreibt ein Buch über die Olympischen Spiele 1936, das kann nur was werden.

Oliver Hilmes hat ja bisland nur Biografien geschrieben. Insofern war es für mich ganz interessant, mal zu sehen, wie er ein Buch angeht, das keine Person zum Thema hat, sondern ein Ereignis. Dieses Buch ist dementsprechend kein trockenes Sachbuch, sondern er nähert sich, das vorneweg, dem Ganzen ebenfalls über Personen an.

Für jeden einzelnen der 16 Tage Olympische Spiele stellt er eine Vielzahl von Personen in den Mittelpunkt, die direkt beteiligt sind an der Organisation "Olympia", die als Zuschauer oder Sportler im Stadion sind, die in Berlin das Stadtbild prägen - oder manchmal auch gar keine Verbindung aufweisen, in gewisser Weise aber ebenso die Spiele prägen werden, weil über sie nicht berichtet wird. Mit Hilfe von offiziellen Anweisungen wird sehr schnell klar, dass für die Nationalsozialisten Olympia in erster Linie eine Möglichkeit war, die Friedliebigkeit Deutschlands zu demonstrieren und Sympathien im Ausland zu sammeln. Für zwei Wochen werden in Berlin die Ausgaben des "Stürmer" mal nicht öffentlich ausgehängt, werden Ausgrenzung und Restriktionen nur im ganz Kleinen spürbar. Selbst die Zeitungen berichten überraschend positiv über die Sieger anderer Nationen- klar, werden doch nahezu täglich aus dem Propagandaministerium Anweisungen herausgegeben, wie über die Spiele geschrieben werden darf. Dabei wäre es für mich schön gewesen, auf einzelne Bereiche noch etwas stärker einzugehen, vor allem was die für Deutschland antretenden jüdischen Sportler angeht. Da bleibt das Buch dann doch sehr stark an der Oberfläche und ich hab parallel sehr viel recherchiert und im Internet nachgelesen. Trotz allem sind diese Miniaturen faszinierend und das Buch macht grade auch dadurch Lust auf mehr Informationen.

Wie immer ist das Buch informativ und unterhaltsam geschrieben, im typischen Hilmes-Stil, der einen sehr gut durch die Spiele führt. Insgesamt also eine klare Kaufempfehlung, die als Einstieg in die Olympiade 1936 gut geeignet ist.

Sonntag, 28. August 2016

[Buchgedanken] Rosa Zapato - Der Duft des Regenwalds

Als die junge Malerin Alice Wegner 1903 in Veracruz eintrifft, will sie eignetlich nur ihren Bruder treffen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft erfährt sie, dass er gestorben ist, ermordet nach einem alten Maya-Ritual. Welchen grund kann es geben, einen jungen archäologen zu beseitigen? Alice gibt nicht auf und stößt dabei auf das Geheimnis einer Maya-Prinzessin ...

Versuchen wir bei dieser Rezension mal einen anderen Ansatz. Stellen wir uns doch erst einmal die Frage, warum ich dieses Buch lesen wollte.

Punkt eins: es spielt in Mexiko. Neues Land, neue Punkte - yay. *häkchen an meiner Landkarte mach* Punkt zwei: der Klappentext klang ziemlich cool. Hey, altes Geheimnis, Maya, Mord! Das sind die Zutaten, aus denen wird bei manchen Autoren ein Mystery-Thriller mit allem drum und dran, klingt doch gut! Dass da außerdem die Rede davon ist, dass einem das Buch Mexiko vor alle Sinne führt, klang noch besser. Und drittens (und ja, das hat mich tatsächlich dazu gebracht, das Buch mitzunehmen) habe ich mich gefragt, wie dieser Inhalt dann in Verbindung steht zu diesem kitschigen Titelbild, das der Piper-Verlag gewählt hat und dessen titelfliegender pinker Schmetterling gemeinsam mit einigen Artgenossen jedes einzelne Kapitel einleitet. Entweder verbirgt sich hinter diesem Buch ein ziemlich cooler Thriller oder eine herzzerreißende Liebesgeschichte, aber wie soll das beides verbunden werden? Die Neugier war geweckt.

Der Einstieg war erst einmal typisch gewählt für den Stil des "großen geheimnises aus der Vergangenheit". Eine Maya-Königin wird geschildert, deren Stadt überfallen wird und der Palast muss deshalb fliehen. Allerdings ist mir so ein bisschen unklar, worauf das alles hinauslaufen soll, denn abgesehen davon passiert nichts, kein Geheimnis wird angedeutet und die Mayakultur wird nur so angerissen ins Spiel gebracht, dass ich eher irritiert bin. Dann bricht die Vergangenheit auch schon ab und wir landen in Berlin 1903 bei der Hauptfigur Alice.

Alice soll wieso oft das Bild der emanzipierten jungen Frau bieten, die sich von den Zwängen der Gesellschaft befreit und bla bla bla, ihr kennt das ja. Selbstverständlich lebt sie alleine, selbstverständlich ist sie von ihrer Familie verstoßen, selbstverständlich trägt sie mit Vorliebe hochgeschlossene Blusen und hochgestecktes Haar (und auch wenn sie blond ist, habe ich bei ihr sofort 1:1 Raquel Welsh in "Die Mumie" vor Augen). Und selbstverständlich liebt sie ihren Bruder heiß und innig. Der ist übrigens meiner Meinung nach noch schlimmer gezeichnet und trägt den liebenswerten Vornamen Patrick. 1903. Zu seiner Geburt so um 1880 herum war das ja der total angesagte Name, kam gleich hinter Jeremy-Pascal. Dieser Patrick soll jetzt also besucht werden im fernen Mexiko. So reist sie denn per Dampfer und macht doch natürlich sogleich Bekanntschaft einer mexikanisch-deutschen Familie, die so herzhaft klischeelastig geschildert wird, dass es fast eine Schande ist, dass sie danach nie wieder auftauchen. Dafür tritt in Veracruz gleich das nächste Klischee aus der Mottenkiste in gestalt von Juan Ramirez. (Ja, das ist sein Vor- und sein Nachname, aber nicht nur ich, auch die Autorin scheint dem feurigen Südländer so verfallen zu sein, dass sie gleich immer den Komplettnamen verwendet. Stellt euch bitte im folgenden nach seinem Namen noch einen feurigen Kastagnettenschlag oder sowas vor). Juan Ramirez ist DER Mann der feuchten Höschen. So sexy. So galant. So wunderbar. So spanisch! bereits nach drei Sätzen hängt er mir zum Hals heraus.

Immer noch erfahren wir nichts über diese Maya-Prinzessin in der Vergangenheit, stattdessen geht es jetzt weiter zur Plantage eines weiteren Deutschen, wo Patrick gewohnt hat. Jetzt sollte eigentlich der Teil losgehen mit "ich will herausfinden, wer meinen Bruder getötet hat", also die Krimihandlung. Die hat sich aber anscheinend im Regenwald verlaufen, denn stattdessen hören wir quasi nur noch, wie toll doch Andrés ist. Wer ist denn jetzt das schon wieder??? Der mögliche Mörder ihres Bruders, dem sie zur Flucht verhilft und der dann doch zu ihr kommt oder auch irgendwie nicht oder ... ach ersnthaft, es ist mühselig, dieses Gesabbel nachzuerzählen, auf dem sich die nächsten 300 Seiten hinschleppen, ohne dass etwas Nennenswertes passiert. dieses Buch verliert mit zunehmender Seitenzahl mehr und mehr die Handlung und irgendwann ist es dann zu Ende und da taucht dann mal wieder die Königin vom Anfang auf. Fertig.

"Der Duft des Regenwalds" ist für mich nicht einmal ein Cody-Buch. Es ist keins, über das ich mich aufregen könnte, weil es selbst dazu zu belanglos ist. Es erweckt Erwartungen durch geschicktes Verlagsmarketing und die werden ann samt und sonders enttäuscht. Es bleibt nichts zurück, noch nicht einmal ein Gefühl für Mexiko - außer dem Gefühl, seine Lesezeit echt verschwendet zu haben.
 

Samstag, 27. August 2016

[Buchgedanken] Alan Drew - Die Wasser des Bosporus

Als 1999 ein Erdbeben Istanbul verwüstet, bricht die Existenzgrundlage des 42-jährigen Sinan zusammen. Der kurdischstämmige Ladenbesitzer kann gerade noch Frau und Tochter retten, sein Sohn wird er einige Tage später lebend unter den Trümmern des früheren Wohnhauses geborgen. Der sonst so stolze Mann ist plötzlich völlig abhängig von der Hilfe Fremder, und während sich seine Frau von westlichen Hilfsorganisationen unterstützen lässt und sich die Tochter in einen amerikanischen Nachbarsjungen verliebt, klammert er sich immer mehr an die Traditionen und seine Herkunft, die das einzige sind, was ihm geblieben sind ...

Erst einmal ein großes Kompliment an den Autor. Als Amerikaner ausgerechnet aus der Sicht eines relativ ungebildeten Kurden aus den bis heute unruhigen Gebieten der Osttürkei zu schreiben, das hätte stark in die Hose gehen und in einer Aneinanderreihung von Klischees enden können. Aber das ist es nicht - im Gegenteil. Ihm gelingt es, seine Figuren samt und sonders authentisch zu gestalten und dem Leser die Möglichkeit eines Perspektivwechsels zu geben. Ich verstehe sowohl Imre, die Tochter, die aus der engen Welt ihres Elternhauses ausbrechen möchte und das mit amerikanischen Fernsehserien und heimlichen Zigaretten versucht, als auch Sinan, der eigentlich nichts anderes will als seine Familie zu beschützen und dabei einen Fehler nach dem anderen begeht ohne es wirklich zu wollen, aber auch ohne seine Sichtweise vielleicht zu hinterfragen. Im Gegensatz zu "Drachenläufer" wurde mir bei dem Buch wirklich eine andere Sichtweise vermittelt, sodass ich sie nachvollziehen und mich einfühlen konnte, und ich finde grade angesichts der aktuellen Debatten über den Islam tut es ganz gut, sich auch einmal in diese Sicht einzudenken zu versuchen. Dass das ganze dann auch noch in einem sehr gelungenen Sprachstil geschieht, der mich beim Lesen einerseits mitreißt und mir andererseits ermöglicht, die angesprochenen Diskussionsebenen direkt nachzuvollziehen. Ich erlebe Argumentationen, statt sie einfach nur zu lesen. Und genau deshalb war das Buch eines der Highlight in diesem Jahr :-)

[Buchgedanken] Rafik Schami - Eine Hand voller Sterne

Ein Bäckerjunge in Damaskus führt Tagebuch über seinen Alltag. Das ist effektiv die Zusammenfasung des Inhalts eines bezaubernden Jugendbuchs, das ich vor Jahren schon einmal gelesen und einfach komplett vergessen hatte.

Was zunächst wenig spannend klingt, entpuppt sich als ein wirklich fließender Einblick in das Leben in Syrien in den Fünfzigern. Verliebt in die hübsche Nadia und mit Wunsch ausgestattet, Schriftsteller zu werden, beobachtet der Junge seine Nachbarschaft mit offenen Augen. So wird der Leser Zeuge der kleinen und großen Alltagsdramen von Ehebruch bis dem Verzicht auf Träume. Doch noch mehr steckt in dem Buch, denn in Syrien herrscht eben nicht nur Friede und freude, sondern ein System der Denunziation. Der Geheimdienst nimmt Verhaftungen vor und so gerät auch der Journalist Habib, mit dem sich der Ich-erzähler angefreundet hat, in die Mühlen der Justiz. All das wird für jugendliche Leser geschildert, das heißt, viele Dinge werden eher angedeutet als explizit geschildert. Das kann natürlich dazu führen, dass man ohne Hintergundwissen mit dem Buch auch überfordert wird, dass man die sehr realistischen Schilderungen eher an sich vorbeifließen lässt und nicht selbstständig einordnet.

Was das Buch dann aber selbst beim uninformierten Leser zurücklässt, ist zumindest Schamis Sprache. Der Erzählduktus fließt so unglaublich leicht und sanft durch Damaskus, dass ich einfach darin versunken bin. ja, ich weiß, ich kenne es von meinen Schülern, denen ist das relativ egal, aber wenn man einen Jugendlichen vielleicht auch mal dazu bringen möchte, Sprache genießen zu lernen, dann sei einem dieses Buch ans Herz gelegt. Mich zumindest hat es begeistert und diesmal werde ich sicher nicht vergessen, es gelesen zu haben.

[Buchgedanken] Guy Delisle - Aufzeichnungen aus Jerusalem

Da seine Frau im Rahmen der "Ärzte ohne Grenzen" nach Israel geht, zieht die Familie Delisle, die inzwischen aus Vater, Mutter und zwei Kindern besteht, wieder einmal um. Für ein Jahr richtet man sich also ein in Jerusalem, der heiligen Stadt für gleich drei große Weltreligionen, und damit auch mitten hinein in ein Land, das seit seiner Gründung zwischen Bedrohung und Bedrohen schwankt. Während seine Frau täglich in den Gazastreifen fährt und dort die berühmt-berüchtigte Mauer überqueren muss, macht sich der Comiczeichner an ein neues Projekt: das Leben in Israel und Palästina zu entschlüsseln und den Alltag im Leben eines Landes zu erfahren, in dem man an jeder Ecke auf völlig verrückte Dinge stoßen kann ...

Ich hatte so lange schonmal wieder einen Comic lesen wollen und dann bin ich in der Stadtbibliothek über den hier gestolpert. Guy Delisle kannt eich bereits durch "Pjöngjang" und ich war gespannt, ob auch seine Israel-Aufzeichnungen mich wieder fesseln udn gleichzeitig zum Schmunzeln bringen können. Die Antwort lautet: ja, unbedingt. Das liegt vor allem in den sehr reduzierten Panels, in denen auch die Texte nur sparsam eingesetzt werden. Sehr oft zu sehen sind Panels, in denen Landschaft oder Gebäude im Zentrum stehen, insbesondere die Mauer um den Gazastreifen. Hier fährt Delisle immer wieder entlang und schafft es, das Gefühl der Bedrohung und gleichzeitig das Gefühl der Aussperrung gleichzeitig für den Leser zu zeigen. Ich war extrem fasziniert von den geschilderten Lebensumständen in Israel, insbesondere für die palästinensische Bevölkerung in der Westbank. Die Ausflüge an Universitäten zu israelischen und zu palästinensischen Studenten waren ebenfalls sehr spannend, vermitteln sie doch völlig unterschiedliche Sichtweisen auf das Leben, die Delisle einfängt, ohne sie zu bewerten.

Überhaupt ist es das, was mir an den Aufzeichnungen sehr gefallen hat, man erhält als Leser die Chance, seine eigene Position zu finden, ohne in die eine oder die andere Sicht gedrängt zu werden. So wie der Autor auch einfach reingeworfen wird in dieses Leben, geht es dem Leser, und das ist die größte Stärke des Buchs.

[Buchgedanken] Stefanie Gercke - Ich kehre zurück nach Afrika

1959 wird die junge Henrietta von ihrer Familie aus Hamburg zu Verwandten nach Südafrika geschickt. eigentlich zru Bestrafung, doch Henrietta kann es nicht erwarten, dem engen Leben in Deutschland zu entkommen. In Südafrika ist sie fasziniert von dem neuen Kontinent, gleichzeitig erlebt sie aber immer stärker, wie sehr das Land durch die Rassentrennung gespalten ist. Als sie den Schotten Ian heiratet, gerät sie immer stärker in Konflikt mit den Obrigkeiten und muss schließlich um ihr neuaufgebautes Leben fürchten ...

Positives zum Buch: ich kann Südafrika auf meiner Leseliste abhaken. Und es ist leicht zu lesen. Und wenn ich mir die Biografie der Autorin durchlese, dann hat sie vermutlichv iel von ihrer eigenen Geschichte im Buch in irgendeine Weise aufgearbeitet und das ist ja immer gut, so aus therapeutischer Sicht ...

Und jetzt kommt das Aber.

Ich hatte echt nicht viel erwartet. Der Klappentext klang bereits ein wenig nach verkitschtem Afrikaroman, aber das, was mir dann hier geboten wurde, das ist Rosamunde Pilcher gepaart mit "Reich und Schön" und einer Prise Exotik, damit man sich nicht langweilt. Die eigentlich doch recht politisch inspirierte Geschichte wird so zugekleistert mit dämlichen Handlungssträngen, dass es einfach zu viel des Guten ist. Mein persönliches Albtraum-Highlight ist diese völlig belanglose Eifersuchtsstory rund um den Ex und die Cousine, inklusive Mordanschlag und allem pipapo. Telenovelas können es nicht besser - und auch in den Dialogen hat sich die Autorin fast schon redlich bemüht, den Sprachduktus einer ZDF-Sonntagabendproduktion zu unterbieten, zumindest wir hier in Dialogen nicht einmal im Nebensatz gesprochen. Es ist nicht das schlechteste Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe - da gibt es ganz andere Kandidaten - aber es ist so schrecklich belanglos plätschernd. Ein nettes Buch für Strandurlaube vielleicht, wenn man nicht großmitdenken möchte, ein bisschen Action haben will und ganz viel Gefühle. Merke also: orange-geprägte Titelbilder auf Afrika-Romanen sind als Warnhinweis zu verstehen. 

[Buchgedanken] Gaile Parkin - Kuchen backen in Kigali

Angel hat einen Ehemann, fünf Enkelkinder, die sie von ihren verstorbenen Kindern adoptiert hat, eine schöne Wohnung in Kigali, der hauptstadt Runadas. Vorallem jedoch ist Angel in Kigali die Institution für Kuchen. Nicht für langweilige Rührkuchen, sondern für kleine Kunstwerke - das hat sich inzwischen länger herumgesprochen unter den Anwohnern ihres Wohnblocks und deren Bekannten. Und so erhält die von den Wechseljahren geplagte Mitvierzigerin die Möglichkeit, nicht nur regen Anteil an Verlobungen, Geburten, Willkommens- und Abschiedspartys zu nehmen, sondern dadurch auch Einblick zu erhalten in die gesellschaft eines Landes, in dem 1993 der Völkermord an den Tutsi die weltöffentlichkeit schockierte ...

Ich gebe es zu, ich habe das Buch ja in erster Linie in die Hand genommen, weil "Kigali" nach "Land, das ich noch nicht erlesen habe" klang, der Inhalt war mir erst einmal egal. Insofern bin ich an das Buch sehr unbedarft gegangen und hatte mir lediglich erhofft, dass es vielleicht ein wenig so ist wie "Der Friseur von Harare", also ein Buch, das von einem einheimischen Autor einen Blickwinkel auf ein Land bietet, den unsere weiße-westliche Sicht ausgleichen und ergänzen kann. Allerdings muss ich sagen, dass mich das Buch in der Hinsicht ein bisschen enttäuscht hat, denn Gaile Parkin ist weder schwarz noch gebürtige Ruanderin, insofern ist es halt doch wieder ein durch die Brille gefiltertes Lesen. Und das führt dann auch dazu, dass in das Buch einfach mal alles reingestopft wird, was an Problematik in Ruanda auftauchen könnte - von Aidswaisen über den Völkermord zu alleinerziehenden Müttern und Bestechlichkeit - ohne dass eines davon wirklich mal vertieft wird oder mit mehr als nur ein paar Eckdaten versehen wird. Was es wirklich für das Leben in Ruanda bedeutet, erfahre ich als Leser einfach nicht und muss mich zufrieden geben mit so ein bisschen Einblick. Dafür ist das Buch ganz okay und wer zumindest einen Einstieg haben will in moderne afrikanische Literatur, der ist hier nicht ganz falsch. Es ist zwar keine Hochliteratur, aber nett für den Sommer. Und wenn man danach keine Lust auf Kuchen hat, dann weiß ich auch nicht ;-)

[Buchgedanken]Khaled Hosseini - Drachenläufer

Amir und Hassan sind fast gleich alt und wachsen gemeinsam in den Siebziger Jahren in Afghanistan auf. Während Amirs Vater einer erfolgreichen, sehr westlich orientierten Oberschicht angehört, ist Hassan der Sohn seines Dienstboten und Angehöriger der Minderheit der Hazara. Amir selbst ist wegen seiner musischen Interessen eine Enttäuschung für den Vater und versucht immer wieder, ihn zu beeindrucken. Nach einem Wettbewerb im Drachensteigen wird Hassan von einer Gruppe Jungen vergewaltigt - vor den Augen Amirs, der seinem Freund nicht zur Hilfe eilt. Aus Scham geht er sogar soweit, Hassan bei seinem Vater als Dieb anzuschwärzen, um nicht mehr täglich an sein Versagen erinnert zu werden. Jahre später, als die Taliban die Herrschaft übernommen haben und Amir und sein Vater längst emigriert sind, bietet sich nur die Chance, die Schuld von damals wieder gut zu machen ....

Dank der "Rund um die Welt"-Challenge habe ich es jetzt endlich geschafft, diesen Roman zu lesen. Wobei ich wirklich gestehen muss, dass ich schon ewig und ein paar Tage mehr das Buch im Regal stehen hatte und nie so wirklich die Inspiration gefunden hatte, mich damit auseinanderzusetzen. Irgendwie muss ich es geahnt haben, dass das Buch nicht so meins werden würde. Woran das liegt?

Zunächst einmal daran, dass Hosseini sehr, sehr schleppend erzählt. Ich habe fast 100 Seiten gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden. Sein Ich-Erzähler Amir ging mir dabei vor allem in seiner Jugend mitunter gewaltig auf den Senkel mit seiner sehr weinerlichen Art. Das war für mich einfach kein Lesegenuss, mit dem ich mich gerne in die Geschichte begeben habe, sondern in erster Linie extrem anstrengend. Gekoppelt ist das an sehr langwierige Darstellungen der afghanischen Gesellschaft und Landschaft - das war interessant, auf jeden Fall, gleichzeitig hat es aber die Handlung extrem gestreckt, so dass ich mehrfahc kurz davor war, das Buch einfach abzubrechen.

Besser wurde es erst effektiv nach der Flucht von Amir und seinem Vater, denn besonders die Darstellung des Exillebens mit dem Vater ist gut gewählt, der seiner gesellschaftlichen Stellung in Afghanistan nachtrauert und dennoch versucht, ein neues Standbein zu finden. Anders sieht es in Amirs Schwiegerfamilie aus, in der die traditionellen Strukturen aus der heimat noch sehr stark nachwirken. Und dennoch kann man verstehen, warum Menschen auch weit weg von ihrer Heimat versuchen, sich ein Stück davon zu bewahren durch ihre Traditionen oder Kleidung oder kulturelle und sprachliche Eigenheiten.

Warum ich aber einfach kein Fan vom Buch werde, ist die Tatsache, dass es so furchtbar konstruiert ist. Konstruiert sowohl in Bezug auf die Handlung, die schon sehr klischeehaft und zufallsbetont ist, und noch schlimmer auf die beim Leser hervorzurufenden Gefühle. Das ist alles hochdramatisch und grausam und tieftragisch - ein bisschen zu sehr Bollywood für meinen Geschmack. Die Figuren sind einfach wenig lebendig, sondern sie sind sehr scherenschnittartige Typen, die durch die Handlung gschoben werden, ohne dass ich sie wirklich greifen kann. Insbesondere Amir ist in seiner Dauerschuld so nervtötend, dass ich mit ihm nie mitgefiebert habe. Gekoppelt ist es dann an eine sehr, sehr idealisierte Schwarz-Weiß-Darstellung im Gut-Böse-Schema. Hier das wundervolle afghanische Königreich, der Hort der Literautr und Kultur, dort der böde patschunisch-nationalistische, hitlerverehrende deutsch-afghanische, pädophile Gegenspieler - so einfach ist es dann doch nicht, aber vermutlich wollte Hosseini nicht gerade das amerikanische Lesepublikum die frage nach der Verwikclung der USA in die afghanische Geschichte verschrecken. Schade eigentlich.

Was bleibt mir nun also vom Buch im Gedächtnis? Nicht viel, ehrlich gesagt. Einige wenige interessante Fakten über die Hazara und damit hat es sich. aber das ist immerhin etwas.